„Achterbahn der Gefühle“ bis zum Happy End: Die EM-Rückschau

„Achterbahn der Gefühle“ bis zum Happy End: Die EM-Rückschau

Mit der besten Turnierleistung krönten sich die Hallen-DANAS am Sonntag in der UNYP-Arena von Prag zu Europameisterinnen. Nach dem Finale sprach Torhüterin Julia Sonntag von einer „Achterbahn der Gefühle“, bezogen auf den Turnierverlauf. Was wie eine (rheinische) Floskel klingt, beschreibt dieses EM-Turnier in Prag aus deutscher Sicht jedoch am besten.

Ein Halbfinale zum Nägel zerbeißen, auf den Kopf gestellte Spielverläufe, umstrittene Schiedsrichterentscheidungen, Wahnsinns-Comebacks. Das alles und noch viel mehr hatte diese Hallen-EM für Zuschauer*innen zu bieten. Dabei ließen sich vor dem Turnier schon einige Geschichten über dieses Team erzählen.

Angefangen bei Trainer Erik Koppenhöfer, der jahrzehntelang erfolgreich als Trainer und Vereinsmanager beim SC Frankfurt 1880 arbeitete, betreute mit der EM in Prag sein erstes Turnier als neuer Hallen-Bundestrainer der Damen.

Koppenhöfer nominierte zwei besondere Torhüterinnen für die Hallen-EM. Die eine, Selina Müller, hatte bereits 2024 bei der Heim-EM in Berlin einen EM-Titel eingefahren und gilt seit Jahren als eine der besten Hallenhockey-Torhüterinnen des Landes. Die andere, Julia Sonntag, verkündete mit der Hallen-Europameisterschaft in Prag offiziell ihr Karriereende in der Nationalmannschaft nach über 100 Länderspielen für die Feld-DANAS. Neben Selina Müller hatten auch die Kapitänin Fenja Poppe und Pia Lhotak 2024 bereits den EM-Titel gewonnen. Lhotak traf im Vorfeld des Turniers ein Ball bei einem Testspiel gegen Tschechien am Kopf, sodass sie vor Ort noch getackert werden musste und das ganze Turnier mit einem dicken Pflaster über dem linken Auge bestritt.

Neben diesen vier Routiniers standen auch Charlotte Gerstenhöfer und Benedetta Wenzel im Kader. Wenzel hat wie Gerstenhöfer bereits Länderspiele für die Hallen- sowie Feld-DANAS bestritten, war Olympia-Teilnehmerin in Paris 2024 und ist feste Größe des ambitionierten Bundesliga-Teams des Berliner HC. Gerstenhöfer war regelmäßig Teil der Feld-DANAS unter Bundestrainerin Janneke Schopman, für die Halle jedoch laut Koppenhöfer unverzichtbar. Zu diesen sechs Namen gesellten sich sechs Debütantinnen mit der Chance sich erstmalig auf internationaler Bühne zu zeigen.

Die kurze Vorbereitungszeit war eine knifflige Herausforderung für Bundestrainer Koppenhöfer. Vermutlich war dies auch der Grund, dass sich die deutsche Mannschaft bis zum EM-Finale stetig steigerte. 

Die Irinnen waren beim Auftaktspiel kein Gegner auf Augenhöhe. Die Schweizerinnen konnten dagegen im zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland immer wieder in Führung gehen und eine Portion Naivität führte zu einem leistungsgerechten Remis. Die mangelnde Strafeckenausbeute war ein Thema nach dem Spiel und zog sich durch das gesamte Turnier. Auch gegen Österreich fand das deutsche Team gegen einen tiefen Block wenig Lösungen und verlor das dritte Gruppenspiel. Das letzte Gruppenspiel gegen Belgien zeigte aber den Charakter dieser Truppe auf. Wieder früh in Rückstand geraten, lief das deutsche Team unermüdlich an und erzwang auch zwei schmeichelhafte belgische Eigentore. Hatte Trainer Koppenhöfer nach der einen oder anderen umstrittenen Schiedsrichterentscheidung und dem mangelnden Abschlussglück gegen Österreich noch davon gesprochen, das Glück müsse wieder auf die Seite seiner Mannschaft fallen, geschah genau dies mit dem Spiel gegen Belgien. Dabei zeigte der offensive Ballbesitz im Spiel gegen Belgien bereits das Potenzial dieser Mannschaft. Immer wieder rotierten die dreifache Torschützin Gerstenhöfer, Wenzel und Lisa Mayerhöfer um den belgischen Block herum und zermürbten die Belgierinnen mit ihrer Ballsicherheit.

Die Spanierinnen, die deutschen Halbfinalgegnerinnen, erwiesen sich als der erwartet schwer zu greifende Gegner und zeigten sich in der regulären Spielzeit spielstärker. Im Halbfinalduell bewies die deutsche Mannschaft jedoch Reife, glaubte an die eigenen Stärken und fand ihr Glück erneut, wie im Duell gegen Belgien, im Ausspielen der Überzahl mit einer sechsten Feldspielerin. Das Penalty Shootout war, wie das gesamte Spiel, an Dramatik nicht zu überbieten und nachdem die Schiedsrichter beim entscheidenden Penalty erkannten, dass die spanische Schützin den Ball zwischenzeitlich mit dem Fuß berührt hatte, zeigte sich das deutsche Team mental gefestigter. Torhüterin Selina Müller hielt im Anschluss an die Schiedsrichterentscheidung zwei Penalties stark und Fenja Poppe verwandelte unbeirrt den entscheidenden Penalty zum Finaleinzug.

Das EM-Finale von Prag wurde dann zu DER großen Bühne für diese deutsche Hallen-Nationalmannschaft der Damen. Die Mannschaft von Trainer Koppenhöfer war, wie in vielen Spielen dieser EM, über das ganze Spiel hinweg das bessere und dominantere Team, gefiel mit Spielwitz, Ballsicherheit und defensiver Schwerstarbeit. Im Finale gelang es den Hallen-DANAS auch in den moralisch wichtigen Momenten zuzuschlagen und den tschechischen Glauben an ein mögliches Happy End vor eigenem Publikum zu zerschlagen. 

Das Happy End war auf deutscher Seite und dieses junge Team unterstrich die Dominanz des deutschen Hallenhockeys, was sich scheinbar immer wieder neu findet, aber nicht neu erfindet, auf europäischer Ebene. Damit gelang der 18. Titel bei der 23. Ausgabe einer Hallen-Europameisterschaft. 

Neben den bereits genannten arrivierten Spielerinnen sind die sechs Debütantinnen unbedingt zu nennen. Die Shootingstars im Sturm, Philine Drumm und Maike Scheuer, waren nicht nur Beweis für Trainer Koppenhöfers erfolgreiches Konzept bei seiner Kaderzusammenstellung: hinten routiniert und erfahren, vorne jung, wild und unbekümmert. Beide haben auch keinerlei Anlaufzeit im Nationaldress gebraucht und ihre Knipserqualitäten, welche bekannt sind aus der Bundesliga, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Charlotte Hendrix hat wichtige Impulse gesetzt und vor allem im Finale mit ihrem Solo zum wichtigen 4:1-Treffer geglänzt. Linda Bens hat, wie bei der gesamten deutschen Defensive vorhanden, Ball- und Passsicherheit gezeigt und wertvolle Erfahrungen hinter Lhotak und Poppe gesammelt. Die 19-jährige Julie Pieper konnte sich vor allem im entscheidenden Gruppenduell mit Belgien auszeichnen. Lisa Mayerhöfer, mit 23 Jahren schon sehr abgeklärt, wechselte sich auf der Mittelposition immer wieder mit Benedetta Wenzel ab und überzeugte mit guter Sicht für Pass- und Laufwege.

Ohne große Egos wuchs dieses Team zu Europameisterinnen zusammen und zeigte wie auch ein temporär zusammengesetztes Team große Erfolge feiern kann.  
Quelle: www.hockey.de

Nach oben scrollen